Eröffnungsrede 2003 (Auszug)
Zu den Bildern von Javis Lauva: Ein Fleck ist ein Fleck, ist ein Fleck.
Ein Fleck allein ist zu wenig. Um sich zu unterscheiden, braucht es einen zweiten, um sich
darzustellen einen dritten - um zu dominieren viele. Kleine und große, prägnante und weniger
prägnante.
In diesem Thema liegt eine Faszination und eine große Tiefe.
Javis Lauva beschäftigt sich seit Jahren mit solch einfachen Strukturen - Flecken und Lineaturen.
Auf der Leinwand, auf Papier setzt er sie in Beziehung zueinander, baut Spannungen auf und ab,
bringt die Dinge aus der Ordnung und wieder ins Gleichgewicht. Schafft Kräfte und Gegenkräfte.
Er tut das solange, bis das Bild eine bestimmte Verdichtung erreicht -- und es seinen eigenen
Rhythmus gefunden hat. So entsteht ein Bild. Der Prozess des Bildermalens gleicht einer Suche.
Es gibt endlos viele Wege und Möglichkeiten. Es ist ein Suche, die an eine elementare Neugierde
um die Abläufe des Lebens anknüpft.
Manche Arbeiten wecken in mir die Assoziation von Landschaft, andere lassen mich an Fossilien
und florale Motive denken, und oft erinnern sie mich an die Wunder aus der Welt des
Mikrokosmos. Neben der Kunst und dem Kochen ist das Interesse an dieser Welt eine
Leidenschaft, die ich mit dem Maler teile.
Und es ist, als öffneten mir seine Arbeiten eine andere Sicht. Ein neues Verständnis als das
naturwissenschaftlich-forschende für das, was in der Natur und in uns passiert.
Für mich haben seine Arbeiten mit dem ganzen Universum zu tun. Mit der Erfahrung dessen, was
uns lebensfähig macht und lebendig sein lässt. Es ist als könnte ich eintauchen in die Vorgänge
der winzigsten Zelle, eines Regentropfens oder der Atmosphäre. Sachliche Erkenntnisse finden in
den Bildern von Javis Lauva eine sinnliche Entsprechung.
Mein Thema sind die kleinen Teile, die sich zu großen Teilen verbinden, sagt der Künstler. Es
geht dabei um Anordnung, um die Verteilung der Partikel auf dem Malgrund. Und letztlich geht es
um Ordnung, ja um Harmonie.
In diesem Sinne sind die Bilder von Javis Lauva Analogien.
Wie er es formuliert, Analogien zu harmonisierenden Prozessen in der Natur. ich denke - so der
Künstler -- dass ein Lebewesen auch so etwas ist wie die Harmonisierung unterschiedlichst
strukturierter Teile, die zum Laufen gebracht werden. So entsteht eine bestimmte
Organisationsform von Lebensprozessen.
Und wenn man es so betrachtet, verbindet sich Malerei in ihrer grundsätzlichen Aufbauweise mit
dem grundsätzlichen Aufbau, wie er in der Natur vonstatten geht.
Wer die Arbeit von Javis Lauva verfolgt, bemerkt, dass seine Bilder - er arbeitet gern mit Ölfarbe
und Wachs -- mit den Jahren farbiger und die Hintergründe transparenter geworden sind.
Doch dem Maler geht es dabei nicht um die Farbigkeit der Bilder. Er nutzt die Farbe als weitere
Möglichkeit zur Differenzierung der einzelnen Flecken und Lineaturen. Setzt eine Farbe ein, um
sie woanders wieder abzuschwächen, arbeitet mit Farbüberziehungen, um zusätzlichen Raum zu
schaffen.
Neben den stark verdichteten und streng geordneten Arbeiten, die eine tiefes Gefühl der Ruhe
und auch Vertrautheit in mir auslösen, gibt es da die kreisenden Bilder mit den großen
Zwischenräume zwischen den Partikeln.
Der Tanz ist so eine Arbeit. Das Bild hat einen stark zentrierten Mittelpunkt, um die die Lineaturen
kreisen. Und plötzlich verwischen die Konturen, bekommen Plastizität - aus den Strukturen und
Linien formen sich ganz konkret erkennbare Figuren und Dinge die aufeinander regieren. Ein
kurioses Spiel, das mich jedes Mal aufs Neue erheitert. Und einen Moment später verwandelt das
Auge alles wieder zurück ins Abstrakte
Javis Lauva träumte einmal von Penck. Penck stellte sich vor ihm auf und sagte: Struktur und
Rhythmus - das reicht für ein gutes Bild.